Zwischen Anpassung, Affinität und Resistenz. Eine historische Studie zu evangelischen Glaubens- und Gemeinschaftsmissionen in der Zeit des Nationalsozialismus

Promoter:         Prof. Dr. Christof Sauer (Kapstadt)

Co-Promotor:    Prof. Dr. Dr. Gerhard Besier (Dresden)

Kurzzusammenfassung der Dissertation

Gegenstand dieser Studie ist die historische Erforschung der deutschen Glaubens- und Gemeinschaftsmissionen, modern ausgedrückt der evangelikalen Missionen in der Zeit des Nationalsozialismus. Die bisherige Forschung hatte diesen Themenkomplex vernachlässigt. Diese Studie beschreibt, wie sich diese Missionsgesellschaften im Umfeld des nationalsozialistischen Unrechtsregimes verhielten. Da die Quellenlage problematisch ist, wird anhand der Missionsblätter aufgezeigt, wie die Glaubens- und Gemeinschaftsmissionen zur Machtergreifung Hitlers standen. Dabei kristallisierte sich heraus, dass man sich überwiegend abseits von Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus positionierte. Allerdings blieb man in den Missionsblättern zur Bekennenden Kirche distanziert.

Im Hauptteil dieser Studie kommt ein aus dem Quellenmaterial eruiertes Positionenspektrum zum Vorschein, welches von NS-Affinität bis Verfolgung reicht. Dieses ist an acht biographischen Einzelstudien nachgezeichnet. Schließlich hat sich gezeigt, dass die Schuldfrage in der Nachkriegzeit kaum eine Rolle spielte. Als Ergebnis kann konstatiert werden, dass die politische Ethik der Glaubens- und Gemeinschaftsmissionen nur rudimentär vorhanden war und sich lediglich in Obrigkeitsgehorsam und apolitischer Grundhaltung zeigt.

Die Dissertation wurde am 30. Nov. 2013 zur Begutachtung eingereicht und im Sommer 2014 von der University of South Africa angenommen.

Summary

The subject of this study is a historical examination of the German faith-missions (in contemporary terms: evangelical missions) during the period of National Socialism. This topic has been neglected in scholarly research to date. This study describes how these mission agencies acted in the context of the unlawful regime of National Socialism. Due to a problematic source basis, the attitude the faith missions took towards the ursupation of power by Hitler is demonstrated based on their own periodical publications. It emerges that they largely positioned themselves at a distance to National Socialism, racism and anti-semitism. However these publications also demonstrate a distance to the “Confessing Church”. In the main body the examination of eight exemplary biographies based on detailed sources portrays an array of different positions which range from affinity to the NS-system to persecution.

Furthermore the study shows that the issue of failure or guilt hardly played any role in the postwar period. This study leads to the conclusion the political ethics of the German faith missions were only rudimentarily developed, and only evinced themselves in an obedience to the powers that be and in a basically apolitical attitude.

 

Paul Burkhardt, Hauptverantwortlicher der Gnadauer Brasilien-Mission. Burkhardt begrüße Hitlers „Nationale Erhebung“ und meinte, dass das neuentstehende völkische Gemeinschaftsgefühl gute Gelegenheiten biete, dem deutschen Volk das Evangelium zu verkündigen. Nach dem Niedergang der NS-Herrschaft erkannte Burkhardt seine Naivität dem Nationalsozialismus gegenüber und tat Buße.

Theophil Krawielitzki, Direktor des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes und Hauptverantwortlicher der Yünnan-Mission und der Marburger Brasilienmission. Krawielitzki ließ sich aus Obrigkeitshörigkeit mit dem Nationalsozialismus ein und durchschaute nicht dessen antichristlichen und menschenverachtenden Geist.

Kurt Zimmermann, Direktor der Allianz-China-Mission (ACM). Aus opportunistischen Gründen trat Zimmermann der NSDAP und der nationalsozialistisch gesinnten Kirchenpartei der „Deutschen Christen“ bei. Die Ausrichtung der ACM blieb davon jedoch unberührt. 1934 wandte er sich von den „Deutschen Christen“ ab und unterstützte den Kurs des Deutschen Evangelischen Missions-Rats, der tendenziell zur Bekennenden Kirche hielt.

Wilhelm Nitsch, Direktor der Neukirchener Mission. Nitsch kritisierte die Nazi-Ideologie öffentlich und gehörte zur Bekennenden Kirche, ohne allerdings Hitler und dessen Politik damit anzugreifen. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes mahnte er wie kaum ein anderer im Umfeld von Mission und Evangelischer Allianz Umkehr und öffentliche Buße an.

Ernst Buddeberg, Direktor der Liebenzeller Mission (LM) war wie viele andere auch, sehr national-konservativ eingestellt. Jedoch trat er der Bekennenden Kirche bei und tat sich im Kirchenkampf als vehementer Gegner der „Deutschen Christen“ hervor. Als er 1934 Direktor der LM wurde, passte er sich dem NS-Regime an, da er deren Missionsarbeit nicht gefährden wollte.


Joachim Müller, Missionsinspektor des Missionsbundes „Licht im Osten“. Müller durchschaute von Beginn an den gefährlichen Charakter des Nationalsozialismus. Verklausuliert schrieb er von dem antichristlichen Charakter des „Weltanschauungsstaats“ ohne allerdings explizit Hitler und den Nationalsozialismus damit anzugreifen. In den Kriegsjahren wurde Müller von der Gestapo wegen seiner Judenfreundlichkeit verfolgt.

Hugo Löwenstein, Palästinamissionar der Evangelischen Karmelmission (EKM). Der Tübinger Kaufmann Löwenstein musste Deutschland wegen heftiger Verfolgung verlassen, da er jüdischer Herkunft war. Mit Hilfe der EKM emigrierte Löwenstein nach Palästina und war dort bis zu seinem frühen Tod als Judenmissionar tätig.

Jaija Sattler, „Zigeunermissionar“ der Mission für Süd-Ost-Europa (MSOE). Sattler wurde von der bekannten „Zigeunermissionarin“ Frieda Zeller-Plinzner für die evangelische „Zigeunermission“ gewonnen. Zusammen missionierten sie in Berlin und Osteuropa. Weil Sattler selbst „Zigeuner“ war (er war Lovari) wurde er von den nationalsozialistischen Behörden 1943 verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

 

 

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